Volker Strübing
Ein deutsches Leben
Band 1: Treibgut auf dem Meer der Einsamkeit – Die Jahre 1971-84
Geboren wurde ich in einem kleinen Kaff in Ostdeutschland, einem Drecksnest, von dem ich vermute, dass dort anno Tobak die Farbe Grau erfunden wurde. Das erste, was ich sah, waren eine Neonlampe und die verkniffenen Lippen der Hebamme, die auch die örtliche Sportlehrerin war. Ich schaute ihr fest in die hasserfüllten Augen. Mochte sie mich auch aus meinem einsamen, warmen Uterusparadies gezerrt haben: Den Gefallen, zu schreien, tat ich ihr nicht. Als Mann kam ich zur Welt, nicht als Memme – ich lachte dem Leben lauthals in die hässliche Visage. Ich bin geboren im Sternzeichen Steppenwolf.
Die Kindheit war hart und kurz und bestand im wesentlichen aus feuchten Wänden und trocken Brot.
Mit 8 Jahren entdeckte ich meine Begabung für das Geschäft und bald verdiente ich mein erstes Geld, indem ich vorgeknüpfte Stricke verkaufte und Schläuche, die genau auf den Auspuff eines Trabbis passten. Der Bedarf war groß, denn unsere Stadt saugte den Lebensmut der Bewohner auf, wie die Sahara die Tränen eines einsamen Mannes.
Mit 8 Jahren entdeckte ich meine Begabung für das Geschäft und bald verdiente ich mein erstes Geld, indem ich vorgeknüpfte Stricke verkaufte und Schläuche, die genau auf den Auspuff eines Trabbis passten.
In den Ferien arbeitete ich im Braunkohletagebau. An meinem 10. Geburtstag saß ich das erste Mal alleine in der Fahrerkabine des Schaufelradbaggers und zögerte keine Sekunde: Ich riss das Lenkrad herum, trat aufs Gas und raste mit dem riesigen Stahlmonstrum in Richtung meiner Heimatstadt. Es war eine wilde Jagd. Hinter mir die Bullen, vor mir eine ungewisse Zukunft und der Ort, den seine Bewohner bisher bloß im übertragenem Sinne als Drecksloch bezeichnet hatten. Mit 3 km/h bahnte ich mir meinen Weg über Felder und Wiesen, durch dichte Wälder und kleine Kuhdörfer, für die die breiten Ketten meines Giganten eher eine kosmetische Operation als eine Katastrophe waren. 400 Tonnen Stahl, gebändigt durch meinen eisernen Willen, auf Fingerdruck gehorchend. Majestätisch, unaufhaltsam, kompromisslos. Mit so einem Ding unter dem Arsch bremst du für niemanden!
Als sie mich schließlich aus dem Führerstand zogen, war nur noch ein Krater, wo sich vor Kurzem noch mein Geburtsort aus den Elbauen erhoben hatte, wie ein großer, schwarzer Pickel aus dem Gesicht eines schönenen Mädchens.
400 Tonnen Stahl, gebändigt durch meinen eisernen Willen, auf Fingerdruck gehorchend. Majestätisch, unaufhaltsam, kompromisslos. Mit so einem Ding unter dem Arsch bremst du für niemanden!
Mich rettete der Umstand, dass es damals, im Osten, aus Prinzip nur Fortschritte und gute Taten geben durfte, deshalb biss man die Zähne zusammen und verlieh mir kurzerhand den großen Walter-Ulbricht-Orden in Platin am Ehrenband für herausragende Verdienste um die Verschönerung unserer sozialistischen Heimat.
Dann schickten sie mich zur Schule. Am 3. Tag verführte mich die Pionierleiterin, eine wunderbar weiche Dame unbestimmbaren Alters, in deren vergilbten Herzen ich mit meinem Lächeln neue Liebe zum Keimen gebracht hatte. Was wollte man mir nach diesem Erlebnis noch beibringen? Ich zog weiter. Von meinem gesparten Geld kaufte ich mir ein Pferd und eine Gitarre. Bald schon war ich als der singende Caballero bekannt und überall, wo ich hinkam, öffneten meine traurigen Lieder mir die Herzen der Menschen und die Schenkel der Mädchen.
Wir alle sind nur Treibgut
auf einem Meer aus Einsamkeit
Ein Spielball der Wellen
verlorn in der Unendlichkeit
Es gibt eine Insel
den Weg weist ein Stern
Doch allein ist sie
unerreichbar fern
Die Strömung des Schicksals
hat uns zusammengeführt
Einen kurzen Moment
haben wir uns berührt
Doch wir waren zu sorglos
unser Griff nicht stark genug
Ich spür noch die Welle, die Dich forttrug
Begegnet Dir jemand
Dann halt ihn ganz fest
Die Strömung reißt ihn fort von dir
Wenn du kurz locker lässt
Mit 11 Jahren hinterließ ich eine Spur aus gebrochenen Herzen auf meinem Weg quer durch die Republik. Verließ ich ein Städtchen, so verfälschten die Tränen der Frauen auf Wochen die örtliche Niederschlagsstatistik. Doch ich fühlte mich deshalb nicht schuldig, hatte ich doch sovielen Frauenzimmern die Unschuld genommen und auf mein eigenes Unschuldskonto eingezahlt, dass ich niemals mehr ins Soll abrutschen konnte.
Ich bat jedes Mädchen, mir ein kleines Souvenir mitzugeben und so musste mein wackeres Pferd bald einen großen Wagen voller Ringe, Broschen, Haarspangen und Kettchen hinter sich herziehen. Kurz nach meinem 12. Geburtstag brachte ich das ganze Gelumpe zur Altmetallsammelstelle. Es war Zeit, ein neues Leben zu beginnen. Das Geld, dass ich für die Schmuckstücke erhielt, spendete ich dem Verein der Freunde und Förderer des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, einer Gruppe von durchgedrehten Physikern, die grölend durch die Gegend zogen, Mülltonnen umkippten, in Bibliotheken die Bücher falsch einordneten, Wegweiser verdrehten und sich überhaupt um die Verbreitung von Chaos im Universum verdient machten.
Ich bat jedes Mädchen, mir ein kleines Souvenir mitzugeben und so musste mein wackeres Pferd bald einen großen Wagen voller Ringe, Broschen, Haarspangen und Kettchen hinter sich herziehen.
Dann ritt ich ins Elbsandsteingebirge, schloß mein Pferd an einem Baum an und ging auf den Berg um zu meditieren.
Ich aß nicht, ich trank nicht, ich bewegte mich nicht. Moos wuchs an meiner Wetterseite. Wandersleut ließen sich zur Rast auf mir nieder, da sie mich für einen Stein hielten, der Regen wusch mir die frühen Sorgenfalten von der Stirn, Schnee bedeckte und wärmte mich im Winter und als im Sonner die Sonne auf mich herabschien entwickelte ich die Fähigkeit zur Photosynthese.
Nach 392 Tagen, 4 Stunden und 23 Minuten stand ich auf, räkelte und sträkelte mich, da meine Gelenke ein wenig eingerostet waren und machte mich an den Abstieg. Ich war 13 und der weiseste der Weisen.
Mein Pferd überschlug sich nicht gerade vor Freude über meine Rückkehr, im Übrigen war es tot. Ich begrub es mit bloßen Händen und ging gemessenen Schrittes zum nächsten Dorf wo ich mich auf den Marktplatz stellte und zu predigen begann: „Höret und verstehet!“, rief ich. „Es gibt kein wahres Leben im Falschen! Ihr sucht das Glück des Tüchtigen und findet doch nur den Schlaf der Gerechten. Ich aber sage Euch: Gott hilft dem der sich selbst hilft und Platz ist in der kleinsten Hütte, drum mach es wie die Sonnenuhr – zähl die heitren Stunden nur. E=m mal c Quadrat! Der Weg ist das Ziel, meine Freunde, ein Schelm, wer Böses dabei denkt und mit dem Balken im eigenen Auge auf angezogene Leute zeigt. Bringt mir Eure Erstgeborenen und wahrlich ich sage Euch, ich werde ihre Augen herausreißen und ihre Lebern verspeisen. Seelig sind da die, die arm sind im Geiste, denn ihrer ind die dicksten Kartoffeln. Wisset, das der Teufel immer auf den größten Haufen scheißt und die neue Camelia höchsten Tragekomfort mit nochmals verbesserter Saugleistung verbindet. Ich bin der 13 Jahre Alte vom Berg und ich sage Euch: Die Liebe stirbt nie, ganz im Gegensatz zu Euch, doch klaget nicht, denn wer früher stirbt ist länger tot!“ – kurz, ich erzählte den Dorfbewohnern jede Menge Müll, und sie gerieten in Verzückung und bauten mir an der Stelle der alten Dorfkirche eine Kathedrale aus den Knochen ihrer Vorfahren und aus Fertighausbauteilen. Mit nicht einmal 14 Jahren wurde ich das erste mal als Gott verehrt, eine Erfahrung, die mich damals noch stark beeindruckte.
(Wird fortgesetzt. Vielleicht.)
|