Volker Strübing


Volker Strübing

Sächsische Schweiz

Sächsische Schweiz Einmal bin ich in die Sächsische Schweiz gefahren und auf einen Berg geklettert. Oben wollte ich mir überlegen, ob ich runterspringen soll. Zu erklären, warum genau, führt jetzt zu weit, auf jeden Fall erschien mir dies damals die sinnvollste und augenscheinlichste Lösung für überhaupt alles. Doch so ein Entschluss will gut überlegt sein.
Es war sehr schön dort oben. Die Sonne schien, ein paar Vögel sangen. Die Luft war herrlich. Die Elbe zog sich am Fuße des Berges entlang. Auch auf der anderen Seite erhoben sich schroffe Felswände. Wenn ich 2 Schritte nach vorne machte, würde ich 100 Meter tief fallen.
Es gab gute Gründe nicht zu springen ... oder? Mir fielen gerade keine ein, aber ich überlegte, welche Gründe Sabine eingefallen wären, wenn sie jetzt hier wäre und ich sie fragen könnte: „Guck doch mal wie schön das hier ist! Die Berge, die Vögel, der Himmel, die Sonne auf deiner Haut, die klare Luft, willst du darauf verzichten?“
Gute Gründe weiterzuleben. Aber leider gab es all das nur, wenn ich auch Zahnschmerzen, Alltag, Kontoauszüge, unerfüllte Sehnsüchte, traurige Gedanken, lästige Pflichten, schlechtes Gewissen, Liebeskummer, Langeweile, Erkältungen, unbeantwortbare Fragen, Enttäuschungen, 3. Welt, kaputte Socken, Nachbarn deren Ohren offensichtlich genauso schlecht wie ihr Musikgeschmack waren und ein mieses Fernsehprogramm dazunahm.
Sabine würde mit den Augen rollen und sagen: „Stimmt, aber stell Dir doch mal vor, diese schlechten Dinge gäbe es nicht!“
„Okay.“
„Und“
„Tolle Vorstellung. Schön wär das. Ja, so würde ich gerne leben. Und jetzt springe ich, weil’s nicht so ist.“ Ich rückte einen winzigkleinen Schritt näher an den Abgrund.
„Neinneinnein, warte mal, das stimmt überhaupt nicht! Wenn’s keine schlechten Dinge gäbe, könntest du die Guten gar nicht richtig genießen! Vielleicht ist das Schlechte nur dazu da, damit das Gute umso strahlender daraus hervorsticht!“
„Tut mir leid, aber ich fürchte, die schönen Dinge im Leben sind nur da, damit die schlechten einem besonders wehtun“


- Vielleicht ist das Schlechte nur dazu da, damit das Gute umso strahlender daraus hervorsticht!
- Ich fürchte, die schönen Dinge sind nur da, damit die schlechten einem besonders wehtun


„Du darfst das nicht so negativ sehen!“ Gut, dass Sabine nicht wirklich hier war, sonst hätte ich versucht, sie für diesen Spruch mit einem Blick zu töten.
„Stimmt. Schön hier.“, sagte ich. „Und wenn’s am Schönsten ist, soll man Schluss machen.“
„So ein Blödsinn! Mach nur deine Witzchen! Du steigerst dich da doch selber rein, da brauchst du dich gar nicht wundern!“
„Hast ja Recht. Bin selber Schuld. Ich kann mit dieser Schuld nicht leben. Im Übrigen: Soweit ich weiß, hat niemand, der es richtig gemacht hat, hinterher seinen Entschluss bereut. Mach’s gut.“ „Halt, halt hiergeblieben! Wenn du schon für dich nicht weiterleben willst, dann denke wenigstens an die anderen! An deine Eltern und Freunde und an mich und an die Leute, die dich finden ...“
„Das tut mir natürlich sehr leid, wenn ich irgendwelchen Leuten ihren Spaziergang verderbe. Aber von mir zu verlangen, dass ich aus Rücksichtnahme noch 40, 50, mit ein bisschen Pech 60 Jahre so weitermache, hieße doch, es etwas zu übertreiben!“
„Musst ja nicht so weitermachen! Du kannst dein Leben ändern.“
„Nee, kann ich nicht. Schon oft genug versucht. Da müsste ich außerdem ein ganz neuer Mensch werden. Das liefe aufs selbe raus wie runterspringen, denn dann wäre ich nicht mehr ich und mich würde es nicht mehr geben.“


Wenn du an Liebeskummer leidest, lässt du dir das dann von einem Psychiater wegquatschen?


„Du brauchst ne Therapie!“
„Kommt nicht in Frage! Immerhin ist Traurigsein eins der tiefsten Gefühle, zu denen ich fähig bin. Und das soll ich zu einer Krankheit degradieren? Wenn du an Liebeskummer leidest, lässt du dir das dann von einem Psychiater wegquatschen? Das hieße doch, das eigene Herz verleugnen, nee, nee, eher springe ich, oder fällt Dir noch was ein?
“ „Ja: Wenn du springst, dann gestehst du vor allen Leuten, dass du ein Versager bist, eine Null, ein Feigling, der’s nicht gepackt hast und sich jetzt aus dem Staub macht, statt das Durchzustehen!“
Ich winkte ab. Versager und Feigling zu sein ist nur schlimm, solange man lebt. Und es ist einem auch nur solange peinlich.
„Naja, wenigstens brauche ich dann nicht mehr so tun, als ob ich was weiß ich für’n toller Hecht wäre!“
„Okay. Dann spring.“
„WAS?!“
„Spring doch, los, mach schon!“
„Wie ...“
„Wieso: Wie? Ganz einfach einen beherzten Schritt nach vorne, allez hopp, wo ist das Problem? Du willst dir doch gar nicht helfen lassen, du willst doch gar nichts hören, ist dir doch völlig egal, was ich sage, du tust es ja sowieso bloß ab. Also spring endlich. Das ist doch das was du eigentlich nur hören willst.“
„Stimmt ja gar nicht!“
„Stimmt wohl!“
„Nein“
„Doch! Und jetzt wo ich’s gesagt hab, haste plötzlich Schiss gekriegt und traust Dich gar nicht mehr!“
„Wohl trau ich mich!“
„Feigling! Zu feige zum Leben, zum feige zum Springen!“
„Bin nicht zu feige!“
„Zum Leben oder zum Springen?“
„Zum Springen natürlich!“
„Biste doch!“
„Bin ich nicht, woll’n wir wetten?“
„Wer wettet, der betrügt!“
Da hatte ich mir was eingebrockt. Schnell verscheuchte ich Sabine aus meinen Gedanken – möglicherweise waren das meine letzten Minuten, die wollte ich nicht damit verbringen gegen die Windmühlenflügel weiblicher Argumentationstechnik anzukämpfen.
Ich spähte über den Rand. Verdammt tief ging es hinunter. Wenn ich sprang, würde sich in den 3, 4 Sekunden bis zum Aufprall mein Leben noch einmal wie ein Film vor mir abspielen. Da hatte ich nun gar keine Lust drauf. Aber je länger ich wartete, desto länger würde der Film werden ... außerdem, zeigten sie ja nur so eine Art „Best of“ ... ich dachte daran, wie ich einmal nach stundenlanger Schneewanderung einen Grog am Kamin einer Baude getrunken hatte – das war hier ganz in der Nähe gewesen. Schade, dass kein Winter war, da hätte ich noch mal Lust drauf ... vielleicht sollte ich noch die paar Monate warten?
Ich war einfach nicht in der Lage, das selbst zu entscheiden. Ich musste jemanden um Rat fragen. Ich formte die Hände zu einem Trichter und wandte mich an eine höhere Instanz: „Hörst du mich, Gott?“, rief ich. „Wenn ja, dann antworte mit JA!“
Und Gott antwortete: „Ja, ja, ja, ja, ja“
Und ich rief: „Soll ich springen, ja oder nein?“
„Nein, nein, nein, nein ...“
„Echt nicht?“
„Echt nicht, echt nicht, echt nicht ...“
„Oh. Na gut. Dann gehe ich jetzt mal wieder. Tschüß“
„Tschüß, tschüß, tschüß“, rief Gott mir hinterher. Und dann, ich hatte mich schon weggedreht, um den Abstieg zu beginnen, murmelte er noch ganz leise: „Bloß gut. Auf den Typen hätte ich jetzt überhaupt keinen Bock gehabt“, aber vielleicht habe ich mich da auch verhört.

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