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aus: Volker Strübing, Das Paradies am Rande der Stadt
(yedermann, 2005)



„Wissen Sie, Jahrtausende lang haben die Menschen geglaubt, man müsse die gesellschaftlichen oder materiellen Bedingungen verbessern, wenn man die Menschheit glücklich machen will. Doch sehen Sie sich an, was dabei herausgekommen ist: Entweder wurde zum Wohle der Gemeinschaft das Individuum unterdrückt, die Gesellschaft in ein Gefängnis verwandelt oder das Individuum wurde über alles gestellt, die Menschen wurden einsam und rücksichtslos.
Und materieller Wohlstand, das große Versprechen, der große Traum des zwanzigsten Jahrhunderts, schuf statt Glück eine sinnlose Konsumspirale, die in den wirtschaftlichen, ökologischen und moralischen Abgrund führte.
Mir ging es nie um Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Wohlstand, Fortschritt, Erleuchtung oder Ähnliches. Ich glaubte und glaube, das Einzige, was letztlich zählt, ist individuelles Glück.
Mit Eden habe ich der Menschheit den Weg zum Glück erbaut. Ob der Einzelne diesen Weg mitgehen will, bleibt ihm überlassen. Übrigens ein Punkt, der mich positiv von anderen Menschheitsbeglückern unterscheidet.“

(E.R. Lösser am 14.8.2040)


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   Die Schlammstadt, so hieß es, öffne einem das Herz für die schönen Dinge dieser Welt – für alles andere also. Sie zog sich von den Toren der Matahari-Oase bis hinauf an die südliche Stadtgrenze Berlins; ein Sumpf aus Depression, Krankheit, Schmutz und verzweifelter Lebenslust, eine wuchernde Einöde aus Wohncontainern, Schaumpolymer-Iglus, Baracken, krummen, schlecht befestigten Straßen, billigen Zombie-Bordellen und greller Neonreklame. Ein Ort, an dem die Träume wahr wurden, aus denen man schnellstens zu erwachen hoffte.
    Jeremias Klossner, dreißig Jahre alt und von einer Statur, die vermuten ließ, dass seine Freunde ihn nicht nur des Nachnamens wegen Kloß nannten, schlurfte durch die Schicht aus Müll und Modder, die den Boden einer kleinen, unbeleuchteten Gasse bildete. Das Haar klebte in nassen Strähnen an seinem Kopf, und er freute sich, dass das Wetter (wie im November eigentlich immer) so wunderbar mit seiner Laune korrespondierte.
   „Scheiß Nieselregen“, beschwerte er sich dennoch. Er zog die Hände aus den Manteltaschen, schob den linken Ärmel nach oben und schaute auf den Bildschirm seines Dämons. Dreiviertel sieben. Er würde eine halbe Stunde zu früh in der Besauferia sein. Kloß bemühte sich, aus dieser Tatsache Missvergnügen zu ziehen, scheiterte jedoch: Die Aussicht, vor dem Treffen noch in Ruhe ein Bier zu trinken, war einfach zu erfreulich.
    Hinter einem verrosteten Schuppen am Ende der Gasse ragten die schwarzen Kuppeln der Oase auf. Wie Blasen auf einer siedenden Teerpfütze, dachte Kloß. Über der Hauptkuppel drehte sich ein rotweißer Kreis mit dem Schriftzug PTBN – das Logo der indonesischen PT Burung Nasar, Eigentümerin und Souverän des autarken Stadtstaates. Hinter der Oase konnte Kloß den ewigen Regenbogen eines Eden-Komplexes erkennen, der von der Schlammstadt mit einem steten Strom von Verzweifelten versorgt wurde.
    Ein breiter Lieferwagen fuhr mit Schrittgeschwindigkeit aus einer Seitengasse einige Dutzend Meter vor ihm und stoppte genau auf der schmalen Kreuzung.
    „Na toll“, brummte Kloß. Die Seitengasse war nicht wesentlich breiter als der Transporter. Ein kurzer Blick auf seinen Bauch überzeugte Kloß von der Vergeblichkeit aller Versuche, sich an dem Wagen vorbeizuzwängen. Er drehte sich um, um zur nächsten Kreuzung zurückzugehen, doch ein zweiter Lieferwagen schob sich langsam aus der Querstraße, an der er gerade vorbeigegangen war und versperrte ihm auch diesen Weg.
    Die Seitentür des Wagens glitt auf und drei schwarzgekleidete Männer sprangen heraus, in den Händen Sandmännchen-Gewehre mit ihren charakteristischen trichterförmigen Läufen.
    Seelenfänger, schoss es Kloß durch den Kopf. Eindeutig der richtige Moment, um in Panik zu geraten. Er hob den linken Arm, um über seinen Dämon einen Notruf abzusetzen, doch er war nicht schnell genug. Einer der drei betätigte den Abzug seines Sandmännchens und Kloß kippte schnarchend in den Matsch.

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Beschwörer: Als Sie sich einfrieren ließen, galten wahrscheinlich noch Flachbildschirme als schick. Mit der Einführung von Holovisionsprojektoren, für die sich bald der Name Beschwörer durchsetzte, erhielten Filme, Talkshows und Computerspiele endlich räumliche Tiefe – wenn sie auch von inhaltlicher weiterhin verschont blieben. Die dreidimensionalen, bewegten Bilder werden in den Raum projiziert und können von allen Seiten betrachtet werden. Sie verfügen jedoch über keine materielle Präsenz. Die von einem Beschwörer erzeugte räumliche Darstellung eines Menschen wird Geist genannt, ganze Szenen nennt man Spuk.

(zeitschock.de – Das Praktische Wörterbuch Für Aufgeweckte Kryonauten)


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   Die Besauferia „Schöne Aussichten“ verdankte ihren Namen weniger dem schwarzen Humor der Wirtin als vielmehr den Bildschirmen, die man in die Fensterrahmen eingesetzt hatte: Sie boten holographische Ausblicke auf unberührte Landschaften oder die Marktplätze schnuckeliger Kleinstädte aus der Zeit vor dem Großen Schlamassel.
    An einer Spuk-Box gab es Streit: „Nee, kein Musik-Holo! Ich will die Klopperei!“, keifte ein von Schmucknarben verunstalteter Postprolet, schob seinen Saufkumpan beiseite und drückte auf der Bedieneinheit herum. Summend sprang der altersschwache Beschwörer an und projizierte die Geister von aufeinander eindreschenden Männern in den Schankraum. Der enttäuschte Musik-Fan wankte durch sie hindurch, während sein Widersacher johlend die Fäuste durch die substanzlosen Geister wirbeln ließ. Unbeeindruckt von diesen Bemühungen nahm die vor vielen Jahren aufgenommene Schlägerei ihren immer gleichen Verlauf.
    Die Tür des Lokals flog auf, und ein vielleicht 60-jähriger Mann betrat den Raum. Seine viel zu weiten Hosen waren mit gigantischen Seitentaschen besetzt und schleiften auf dem Boden. Ein Basecap saß falsch herum auf seinem Kopf und auf seinem Kapuzenshirt prangte in verblichenen Buchstaben das Wort „Stuttgart“.(Fußnote)
    Er klappte eine orange getönte Sonnenbrille nach oben, ließ den Blick durch den Raum schweifen und steuerte dann auf einen Tisch neben einem der Bildschirmfenster zu.
    „Hi Spinne!“, grüßte er einen Mann in bunter Elastoformkleidung, der vor einem fast leeren Bierglas saß und angestrengt auf seinen Dämon starrte.
    Der Mann blickte auf und schob sich das verfilze Haar aus dem Gesicht. „Oh, hallo ... Kevin Pascal!“, sagte er, wobei er den Namen übertrieben betonte.
    „Boh, wie bist du denn drauf, Alter?“, polterte der alte Mann und zog einen Stuhl zurück. „So dürfen mich nur meine besten Feinde nennen. Für dich immer noch ‚Kev‘, verstehste?“
    Er setzte sich, griff nach dem Bierglas und stürzte den letzten Schluck herunter.
    Spinne hob die Augenbrauen und klopfte auf seinen Dämon. „Am liebsten würde ich dir noch einen dritten Vornamen anhängen, Kev. Es ist gleich halb neun – ich wollte längst auf dem Rückweg nach Wanheim sein.“
    „Jaja, bleib mal cool. Wo ist denn Kloß?“
    Spinne hob die Schultern. „Ach, was weiß ich. Wahrscheinlich auf irgendeinem Friedhof, die Toten vollnölen, dass sie gar nicht wüssten, wie gut es ihnen geht.“
    Der alte Mann lachte. „Korrekt, Mann, das würde passen.“ Er lehnte sich im Stuhl zurück, stellte die Beine breit auseinander und kratze sich im Schritt. „Kannste ihn nicht einfach anrufen oder wenigstens orten?“
    „Nein. Er hat wohl seinen Dämon abgeschaltet. Das letzte Signal habe ich vor über einer Stunde aus dem Nordviertel bekommen.“
    „Nordviertel? Was wollte er denn da, Alter? Is doch voll nicht seine Gegend.“
    „Irgendein Bekannter hat ihm eine Nachricht geschickt und behauptet, er brauche dringend Kloßens Hilfe.“
    „Wobei? Hatte er gute Laune und kam damit nicht klar?“
    „Nein. Pass auf. Ich habe also Kloß dort in der Nähe abgesetzt und eine halbe Stunde später ...“
    „Moment, Alter!“, unterbrach ihn Kevin, stand auf, breitete die Arme aus und strahlte die Kellnerin an, eine Frau in seinem Alter und von der Anmut eines Elefanten, der in einen Bottich mit Schminke gefallen war. „Hey Rosi, lange nicht gesehen! Was meinst du, gehen wir in die Küche oder treiben wir’s gleich hier?“
    Rosi trat heran, legte den Kopf schief und verzog das Gesicht. „Da zieh ich mir doch lieber deinen Kumpel durch den Schritt!“
    Spinne verschluckte sich und Rosi hieb ihm auf den Rücken. „Ist ja gut mein Kleiner. Keine Sorge, war nur ein Witz. Halber Liter, Kev?“
    „Na logo!“, antwortete Kevin und starrte begeistert auf ihren davonwogenden Hintern, als sie zur Theke zurückging. „Klasse Braut. Was wolltest du sagen?“ Er ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen.


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Eden. Umsonst ist nur das Glück.



    „Ähm ... ach so: Jedenfalls hat Kloß mich eine halbe Stunde später angerufen und erzählt, dass sein alter Freund gar nichts von einem Hilferuf wusste.“
    „Wunder der Technik. Wahrscheinlich steckt irgend so ’n scheiß halb-intelligenter Kommunikationsassistent dahinter, der ein Seufzen fehlinterpretiert hat.“
    Spinne nickte. „Jedenfalls meinte Kloß, das sei ihm ganz lieb, und ein kleiner, deprimierender Spaziergang käme ihm jetzt gerade recht. Tja. Und dann haben wir uns für hier verabredet.“
    „Na, der wird schon noch kommen. Habt ihr das Gras mitgebracht?“
    „Ja, ist im Jeep. Kriegst du nachher. Das Geld ...“
    „... an euren Oberguru, schon klar.“
    „Wenn du damit Dante meinst, ja“, sagte Spinne pikiert. „Die Freunde Der Menschheit sind eine Gruppe gleichberechtigter Individuen.“
    „Jaja, Alter, weiß ich doch, weiß ich doch. Logo seid ihr gleichberechtigt. Zumindest solange ihr macht, was Dante will – aber“, Kevin hob abwehrend die Hände, „das ist ja euer Ding.“
    Am Nebentisch kippte ein einbeiniger Greis von seinem Stuhl. „Scheiß Osten!“, fluchte er.
    Spinne schüttelte den Kopf. „Der ist wohl auch immer hier, was?“ Er erhob sich, um dem Krüppel zu helfen.
    „Ist quasi Inventar“, bestätigte Kevin. „War mal Schriftsteller. Völlig verpeilt. Erschieß mich, wenn ich auch mal so werde.“
    Spinne nickte ernst, dann stand er auf und setzte das schimpfende Männchen auf seinen Stuhl zurück. Der Alte zeterte: „Kein Respekt mehr! Wir hatten ja wenigstens noch Respekt! Weiß aber nicht mehr wovor. Sowieso: Alles viel besser gewesen früher.“
    „Und, wie geht’s Theo?“, fragte Spinne, als er sich wieder gesetzt hatte.
    „Bisschen blass um die Nase. Seit er für euch arbeitet, kommt er gar nicht mehr aus seinem Zimmer raus. Mach mir langsam sorgen, Alter. Ich meine, er ist 14, er sollte in Einkaufszentren rumhängen, sich für hässliche Turnschuhe interessieren und einfach ... einfach mal Scheiße sein. Stattdessen ist er den ganzen Tag im Netz, weil Dante von ihm verlangt, dass er das Computersystem von Eden hackt!“
    „Nicht so laut!“, sagte Spinne und guckte sich verstohlen um.
    „Ja, Mann, nun hab dich mal nicht so. Wer hierher kommt, hat soviel eigenen Scheiß an der Backe, dass ihm fremder voll am Arsch vorbei geht, verstehste?“
    „Jaja. Aber trotzdem. Außerdem verlangt Dante gar nichts, sondern Theo hat uns angeboten, unseren Kampf zu unterstützen.“
    Kevin verdrehte die Augen und zog eine Zigarette hinter seinem Ohr hervor. „Na logo, Alter! Er ist ’n Teenie, und Teenies sind größenwahnsinnig und abenteuerlustig. Und manchmal leiden sie nicht nur unter Mitessern sondern auch unter dem Wahn, die Welt verbessern zu müssen. Ist doch kein Grund, das schamlos auszunutzen – hey!“, rief er, als Spinne zu einer Erwiderung anhob. „Ich weiß, was du sagen willst. Aber hast du mal gehört, wie Dante auf ihn einredet?“
    Rosi kam mit einem Tablett zurück und stellte ein Bierglas vor Kevin.
    „Danke, Alter“, er hob das Bier und prostete ihr zu.
    „Und du, Kleiner, auch noch was?“, fragte Rosi mit Blick auf Spinnes leeres Glas.
    „Bleibt mir ja wohl kaum was anderes übrig. Nanu?“ Er schaute auf seinen Dämon.
    „Nanu was?“
    „Äh ... ich überleg’s mir noch mal mit dem Bier.“
    Rosi rauschte davon.
    „Was gibt’s denn?“
    „Eine Textnachricht. Wer zum Teufel schickt mir eine Textnachricht?“ Er tippte auf den Bildschirm. Seine Pupillen huschten ein paar Mal hin und her, dann wurden sie starr und er flüsterte „Scheiße“.
    „Hey, was geht ab? Is irgendwas mit Kloß?“, rief Kevin und wedelte mit der rechten Hand, wobei er Ring- und Mittelfinger abklappte.
    „Sie haben ihn.“
    „Wer hat ihn? Die Knusperhexe? Die Schlachter-Innung? Die Ballettschule? Lies doch einfach vor, was da steht!“
    „Kloß von Seelenfängern entführt. Unterwegs Richtung Eden-Ludwigsfelde in einem schwarzen Lieferwagen mit dem Kenncode slw-17-blablabla-und so weiter und so fort. Keine Absenderangabe.“
    „Krass, Alter. Kannste dir Kloß im Paradies vorstellen?“
    Spinne schüttelte den Kopf. „Nein. Außerdem wäre es dann kein Paradies mehr.“
   

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Dämon: Von Daemon, was vielleicht soviel bedeutet wie „Der Alptraum eines Mannes ohne Nase“, möglicherweise aber auch irgendetwas mit „Digital“ und „Assistent“ und „Mobile Online Networking“.
Ein Dämon ist eine Mischung aus Computer, Personalausweis, Kreditkarte, bester Freundin und Mittelpunkt des Lebens. Oft ist es schwer zu entscheiden, ob der Träger seinen Dämon besitzt oder von ihm besessen ist.

(zeitschock.de – Das Praktische Wörterbuch Für Aufgeweckte Kryonauten)